Leben mit dem kranken Hund
Den Wert des Lebens zu erkennen und zu respektieren, bedeutet auch, Krankheit und Behinderung zu akzeptieren. Auch wenn der Körper nicht mehr perfekt funktioniert, so behält jedes Lebewesen doch unverändert sein Recht auf ein lebenswertes Leben. Sicher, der Alltag verändert sich, Wertigkeiten verschieben sich. Aber genau daraus erwächst die Chance auf eine neue, bisher unbekannte Art der Bindung und Zusammengehörigkeit. Nutzen wir diese Zeit, die nicht nur dem Hund in seinen letzten Monaten Geborgenheit und Liebe in unserer Nähe schenkt, sondern die auch uns die Chance gibt, uns weiterzuentwickeln und zu einer neuen Ganzheit zu gelangen, Facetten an uns selbst kennenzulernen, die bisher im Verborgenen blieben und die doch existenzieller Bestandteil unseres Seins sind. Erfüllung einer jahrelangen PartnerschaftWir können unendlich viel von unseren kranken Hunden lernen. Ihre unmittelbare Bereitschaft, ihr Schicksal anzunehmen und sich mit ihrer neuen Lebenssituation zu arrangieren, kann zum Vorbild für uns selbst werden.
Gerade deshalb dürfen wir nicht den Fehler machen, unseren menschlichen Leidensbegriff auf den Hund zu übertagen. "Bei mir soll kein Hund leiden." - Nein, sicher nicht! Eine große Wahrheit und letzte Liebe stecken in diesem Satz und dem damit verbundenen Gedanken an erlösende Euthanasie, aber auch das Risiko einer vorschnellen Entscheidung, des vielleicht ungewollten, aber unwiederbringlichen Verzichts auf eine letzte gemeinsame Zeit, die nicht Leiden, sondern Glück bedeutet - letzte Erfüllung einer oft jahrelangen Partnerschaft.
Recht auf Leben
Hunde leben im Hier und Jetzt, denken nicht an das Morgen. Der Hund quält sich nicht mit der beständigen Sorge um seinen vielleicht wachsenden Tumor. Und die Wahrnehmung seiner körperlichen Einschränkung durch eine Behinderung stellt für ihn auch dann keine psychische Belastung dar, wenn er mit der mentalen Unterstützung seines menschlichen Partners stets eine Möglichkeit finden kann, den neuen Moment, seine Gegenwart zu leben. Individuelle Schmerztherapien und konsequent an der Befindlicheit des Hundes orientierte palliativmedizinische Betreuung können oft noch lange ein schmerzfreies unbeschwertes Leben mit der Krankheit ermöglichen - ein Leben, das sich verändert hat, ja, aber ein Leben, dessen Recht, gelebt zu werden, wir unseren Freunden auf vier Pfoten niemals absprechen dürfen.